Vor einiger Zeit wurde mir die Geschichte eines Waldarbeiters erzählt. Man könnte sie beinahe für ein Märchen halten. Und alle Märchen beginnen so:

Es war einmal ein Waldarbeiter, der hatte Freude an seiner Arbeit. Deshalb machte es ihm nichts aus, in der Morgendämmerung das Haus zu verlassen und sein Tagwerk im Wald zu beginnen. Wie jeder andere Waldarbeiter hatte auch er jede Woche ein bestimmtes Quantum Holz zu sägen und zu spalten, um den Unterhalt für seine Familie zu verdienen. Anfangs bereitete ihm das kaum Mühe. Im Gegenteil. Oft war er schon am frühen Nachmittag mit der Arbeit fertig und kehrte zu Weib und Kindern nach Hause zurück.
Das waren glückliche Zeiten.

Doch schon bald wurde die Arbeit beinahe unmerklich mühsamer. Sie ging nicht mehr so leicht von der Hand. Immer öfter kam er erst spätabends nach Hause, während seine Kollegen schon lange gemütlich bei einem Gläschen Blaubeerpunsch am offenen Kamin ihrer Hütten das „Hochwald-Echo“ lasen.
Was hatte sich verändert? Warum musste er länger als die anderen arbeiten, um seine Ziele zu erreichen? Lange fand er keine Antwort auf diese Fragen. Und so arbeitete er Tag um Tag länger und länger, fand kaum noch Zeit für Frau und Kinder und kam nur noch zum Essen und Schlafen nach Hause.

Eines Sonntags, als er wieder einmal betrübt und nachdenklich durch das Dorf lief, traf er seinen alten Meister auf einer Bank in der Sonne und klagte ihm sein Leid. Der hörte sich alles geduldig an. Dann sagte er: „Ich weiß, dass du hart arbeiten kannst. Aber – wann hast du zum letzten Mal deine Werkzeuge gepflegt und geschärft?“ „Aber dafür kann ich doch keine Zeit vergeuden. Ich muss von morgens bis abends arbeiten und ackern, um meine Arbeit zu schaffen! Sonst verhungern mir Weib und Kind. Es reicht so schon kaum noch für das Nötigste.“ „Nimm dir Zeit dafür.“ sprach der Alte.
„Aber … ?“, wollte der Waldarbeiter erwidern.
„Gleich morgen früh. Bevor du zur Arbeit in den Wald gehst.“ Sprach’s, stützte sich auf seinen Stock, schloss die Augen und wandte das Gesicht wieder der Sonne zu.

Am nächsten Morgen tat der Waldarbeiter – widerstrebend – wie der Alte ihm geheißen hatte. Als erstes schärfte er Säge und Axt und kontrollierte und reparierte sein übriges Werkzeug. Da er diese Aufgabe so lange vernachlässigt hatte, kostete sie ihn den ganzen Vormittag. Die Sonne hatte bereits ihren höchsten Stand überschritten, als er an diesem Tag im Wald an die Arbeit ging. Heute würde er sein Soll sicher nicht schaffen, dachte er bei sich. Und er sah auch keine Chance, die verlorene Zeit in diesem Monat jemals wieder aufzuholen.

Doch wie erstaunt war er, als das, was gestern noch anstrengend und zeitraubend war, heute wieder leicht und zügig von der Hand ging. Schon lange hatte er bei der Arbeit nicht mehr solche Freude empfunden. Es schien, als täte sie sich von selbst.
Als er abends nach Hause ging, hatte er sein Tagesziel wirklich nicht erreicht. Doch das kümmerte ihn wenig. Morgen würde er ohne Mühe den Rest erledigen. Und bis zum Ende der Woche war er mit Sicherheit wieder im Plan.

Von nun an nahm er sich an jedem Montagmorgen Zeit, seine Werkzeuge zu pflegen und zu schärfen und hatte seitdem stets viel Freude und Erfolg bei seiner Arbeit.
Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute und ermutigt andere Waldarbeiter, sich Zeit für die Pflege ihres Werkzeugs zu nehmen.

Unsere wichtigsten Werkzeuge in der Software-Entwicklung sind unser Wissen und unser Verstand. Nehmen wir uns also neben unserer täglichen Arbeit die Zeit, unseren Verstand zu schärfen und unser Wissen zu pflegen und zu erweitern – dass wir noch lange Freude an unserer Arbeit haben und sie uns leicht und zügig von der Hand geht.

Auch veröffentlicht auf www.holisticon.de

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